Wie man als Autor ein Interview vorbereitet, übersteht und optimal nutzt

(Copyright: Image by StockUnlimited, http://www.stockunlimited.com)

(Copyright: Image by StockUnlimited, http://www.stockunlimited.com)

Sie schreiben Bücher und haben das unverschämte Glück, dass ein Journalist oder eine Journalistin des Lokalblatts, Online-Portals oder TV-Senders Sie interviewen möchte? Ja so etwas kommt manchmal vor. Es ist Ihre große Chance, nutzen Sie sie! Lesen Sie hier, wie man als Autor das Interview durch einen Journalisten am besten übersteht und das meiste herausholt.

Dieser Beitrag wendet sich an Autoren, die

  1. Bücher schreiben, die sie für Geld verkaufen und deshalb bekanntwerden wollen.
  2. einen professionellen Journalisten (Blog oder Print) erwarten und keinen Hobby-Blogger
  3. noch keine Bestseller-Autoren sind und daher beim Interview keinen persönlichen Pressebeauftragten zur Seite gestellt bekommen.

Warum diese Einschränkungen? Meine Erfahrungen sind das Resultat vieler Jahre Arbeit in Verlagen und einer eigenen PR-Agentur. Daher kann ich nur aus den Perspektiven eines Journalisten, Autors, Lektors und PR-Beraters Ratschläge erteilen. Amateure und Hobbyisten – ob als Autor oder Blogger – verfolgen ganz andere Ziele. Die dritte Einschränkung bedarf ohnehin keiner Erklärung.

Übrigens: Im Folgenden werde ich zwar aus sprachlichen Gründen nur noch die männliche Form für Journalist und Interviewer gebrauchen, aber natürlich sind auch immer meine Kolleginnen der schreibenden Zunft eingeschlossen.

Ei, wer kommt denn da?

Ich weiß es nicht und Sie auch nicht. Was Sie wahrscheinlich kennen, ist der Name ihres Besuchers. Wenn nicht: Rufen Sie eine Woche vor dem Termin in der Redaktion an und lassen Sie sich nicht mit der Auskunft abspeisen, man wisse noch nicht, wer zu Ihnen komme. Notfalls (aber nur dann) lassen Sie sich mehrere Personen nennen, die in Frage kommen.

Damit wissen Sie aber immer noch nicht, wer kommt. Ein Praktikant, dessen Erfahrung einer Mitarbeit bei einer Schülerzeitschrift entspringt, oder ein unbezahlter Volontär mit viel Enthusiasmus aber wenig Berufserfahrung? Oder ein lustloser alter Lokalreporter, der nur noch darüber nachsinnt, wie er die letzten Wochen im Job bescheuerte Außentermine umgehen kann? Vielleicht kommt jemand zu Ihnen, der am Wochenende im Lotto gewonnen hat und jeden umarmen möchte, oder aber jemand, dem sein Partner am Abend zuvor die Koffer vor die Tür gestellt hat und der todunglücklich ist.

Genug der Horrorvisionen und Extreme – viel wahrscheinlicher ist, dass jemand Sie aufsucht, der – von Abgabeterminen gestresst und vom Stau auf dem Weg zu Ihnen genervt – nur mit einem einzigen Auftrag und Ziel zu Ihnen kommt: Er braucht Stoff für seine Leser. Stopp! Auf die Betonung kommt es an, deshalb noch mal: Er braucht Stoff für seine Leser/Zuhörer/Zuschauer! Nicht für die Leser Ihrer Bücher.

Das zu verinnerlichen ist sehr wichtig! Er ist dem Erfolg seines Blatts, Senders oder Blogs verpflichtet, nicht dem Ihres Buches. Hart ausgedrückt: Wenn Ihr Interviewer oder dessen Auftraggeber in der Redaktion – meist der Ressortleiter oder der Chefredakteur – der Meinung ist, dass das Interview für das Publikum seines Mediums uninteressant ist, dann war’s das. So einfach ist das.

Er wird Ihnen gegenüber weitgehend neutral eingestellt sein – vielleicht sogar positiv, so von Schreibknecht zu Schreibknecht – und in jedem Fall von Ihrem Buch auf Sie zurück schließen. Zumindest, wenn der Betreffende Ihr Buch überflogen oder wenigstens durchgeblättert hat und den Klappentext kennt. (Erwarten Sie übrigens realistischerweise nicht mehr!) Alles andere hängt von den ersten Minuten Ihres Treffens ab. Das ist gut so, weil diese ersten Minuten noch von Ihnen beeinflusst werden können.

Tragen Sie Ihren Teil zu einem guten Kontakt bei, indem Sie sich auf die Person, die da kommt, so positiv einstimmen, wie Sie sich wünschen, dass diese Ihnen gegenüber eingestimmt wäre. Ärgern können Sie sich später immer noch, wenn sich während des Interviews ein Grund dafür ergeben haben sollte.

Das Glück des Tüchtigen heißt Vorbereitung

Nun, ein Quäntchen echtes Glück kann zwar nicht schaden, aber für ein – in Ihrem Sinne – erfolgreiches Interview müssen Sie vor allem Zeit und Arbeit in eine gute Vorbereitung investieren. Betrachten Sie die folgende Aufzählung deshalb als Checkliste, die es abzuarbeiten gilt.

Eine Woche vor dem Termin

  • Name und Funktion erfragen: Erfragen Sie in der Redaktion den Namen des Interviewers und seine Funktion. Die Telefonnummer finden Sie grundsätzlich im Impressum der Zeitung, Zeitschrift oder auf der Website des Blogs bzw. des Senders. Wenn Sie an einen Pförtner geraten, der Sie abwimmeln will (Redaktionen haben täglich mit jeder Menge Wichtigtuer zu kämpfen), sagen Sie, dass Sie einen Interviewtermin mit einem Redaktionsmitarbeiter haben und noch letzte Details klären müssen.
  • Vita und Buch zusenden: Die Vita ist keine Bewerbung! Stichpunkte reichen deshalb. Schicken Sie ein Buch mit Visitenkarte/Kontaktdaten zu. Pressetexte über sich selbst sollte man nur beilegen, wenn der Interviewpartner das wünscht. Manche Journalisten sind allergisch gegen die Texte von Kollegen, andere wiederum schreiben nur zu gerne ab. Beides ist der Sache nicht wirklich dienlich. Wuchern Sie mit dem Pfund eines unbeschriebenen Blatts.
  • Besondere Rahmenbedingungen klären: Fragen Sie, wie Sie ihrem Besucher und seinem Team eventuell die Arbeit erleichtern können. Z. B. bei einem TV-Interview: Ob der Kameramann oder ein Beleuchter Mehrfachsteckdosen benötigen wird.
  • Anwesenheit Dritter klären: Bei der Gelegenheit erfragen, wen Ihr Gesprächspartner noch mitbringen wird, damit Sie eine Erfrischung planen können. Oft kommt ein Fotograf, ein Kameramann, ein Tonassistent oder auch nur ein Praktikant mit zum Termin.
  • Beistand: Wenn Sie eine Person Ihres Vertrauens beim Termin dabei haben wollen, ist das ganz in Ordnung und Ihr gutes Recht. Aus juristischen Gründen rate ich sogar ausdrücklich dazu. Und keine Bange, jeder seriöse und erfahrene Journalist weiß, dass ein Autor kein Politiker mit Interviewroutine ist und wird für Ihren Wunsch Verständnis haben. Aber klären sie mit dieser Person, dass sie sich keinesfalls in den Ablauf einmischen darf. Mein Tipp aus Erfahrung: Wählen Sie niemanden mit überbordendem Ego, der Ihnen die Show zu stehlen droht. Das ist ihr Spiel!
  • Freigaberunde: Menschen machen Fehler, auch Journalisten. Verabreden Sie deshalb mit ihrem Interviewpartner eine sogenannte Freigaberunde (Vorabzusendung des fertigen Textes oder der wörtlichen Passagen zur Kontrolle), vermeiden Sie aber unbedingt, den Eindruck, dass Sie damit unliebsame Ergebnisse des Interviews durch Kontrolle verhindern wollen. Das können Journalisten gar nicht ab und Sie sind nicht in der Lage, ihrem Interviewer irgendwelche Bedingungen diktieren zu können. Bieten Sie die Freigaberunde als ausschließliche Korrektur möglicher Sachfehler im Text an. Lehnt er das ab, wird das in aller Regel noch lange nicht bedeuten, dass er Sie bloßstellen will. Entweder will er sich die damit verbundene Arbeit ersparen (die für ihn tatsächlich erheblich sein kann), oder terminliche Engpässe vermeiden. Und ganz wichtig! Wenn Sie den Text zur Kontrolle erhalten, muss die schnellstmögliche Rücksendung für Sie oberste Priorität haben! Redaktionstermine brennen immer!

An dieser Stelle auch gleich eine Antwort auf eine Frage, die ich in meinem Journalistenleben hunderte Male gestellt bekam: Habe ich als Interviewter das Recht, inhaltliche Änderungen zu verlangen? Antwort: Nein, als Interviewter haben Sie kein gesetzlich verbrieftes Recht, den Interviewtext vorab zensieren zu dürfen! Sie können nur die Veröffentlichung komplett verweigern. Aber Vorsicht: Sollte das aus unerheblichen Gründen oder gar unbegründet geschehen, kann Ihnen die Redaktion den (erheblichen) Aufwand nachträglich in Rechnung stellen. Einer Zensur steht – aus guten Gründen – das Presserecht entgegen. Die meisten Kollegen lassen Sie aber dennoch vorab einen Blick auf den Text oder das Video werfen, weil ein Interview mit einem Autor keine Enthüllungsstory ist und eine Kooperation beiden Seiten das Leben erleichtert.

Finden sich jedoch nachweisbare Entstellungen oder gar Verleumdungen im Interview, gilt: Informieren Sie Ihren Gesprächspartner bzw. dessen Vorgesetzten umgehend und vor allem schriftlich (d. h. im Falle eines späteren Rechtsstreits beweisbar) darüber, was Ihnen am Inhalt nicht passt! Natürlich müssen Sie in diesem Fall damit rechnen, dass das Interview kurzerhand im Mülleimer landet. Ein Aufwand kann Ihnen in diesem Fall aber nicht in Rechnung gestellt werden.

Um sich gegen unwahre oder entstellende Behauptungen und Verleumdungen im Interview zu wehren, haben Sie neben dem grundsätzlichen Verbot einer Veröffentlichung zwei gesetzlich geregelte Möglichkeiten für die Zeit nach einer Veröffentlichung/Ausstrahlung: Sie können eine Gegendarstellung verlangen oder/und sich mit einer Anzeige wehren, denn wissentlich falsche Behauptungen und Verleumdungen sind ein Verstoß gegen das Strafrecht und dem unterliegen auch Journalisten und ihre Auftraggeber.

In der Woche bis zum Termin

  • Texte, Videos und Podcasts googeln: Googeln Sie mit dem Namen des Interviewers und dem Namen des Mediums als Stichwörter im Internet nach Beiträgen (Artikel, Videos und Podcasts) Ihres Besuchers. Führen Sie sich die Fundstücke zu Gemüte, damit Sie wissen, was Ihrem Interviewpartner wichtig ist. Vergessen Sie aber Beiträge, die mehr als drei Jahre zurückliegen, denn drei Jahre sind im Journalismus eine Ewigkeit.
  • Vorgehensweise: Wenn Sie Interviews finden, analysieren Sie den Aufbau und die Gliederung. Dann bekommen Sie ein Gespür für den voraussichtlichen Ablauf des Gesprächs.
  • Fotos googeln: Wenn Sie keine Videos gefunden haben, suchen Sie bei Googel zusätzlich nach Fotos des Betreffenden. Wir Menschen sind Augentiere und das Bild eines Fremden gibt uns ein Stück Sicherheit.
  • Offen für Überraschungen bleiben: Machen Sie aber nicht den Fehler, zu glauben, aus diesem Material könnten Sie ihren Interviewpartner umfassend und neutral kennenlernen. Das Internet ist eine giftige Gerüchteküche. Gerade Journalisten haben viele Feinde in den sozialen Netzwerken. Bleiben Sie deshalb dafür offen, dass Ihr Besucher am Ende ganz anders ist, als sein Bild in den Netzwerken nahelegt.
  • Fleisch fürs Interview: Sammeln Sie rechtzeitig Material über sich und Ihr Buch, mit dem Ihr Interviewpartner – zurück in der Redaktion – seinen Beitrag hinterfüttern kann. Dazu zählen kleine Stories aus ihrer Vergangenheit und Anekdoten, z. B. Erlebnisse mit Lesern. Und bereiten Sie Antworten auf die klassischen Fragen vor: Wie Sie zum Schreiben gekommen sind, was Ihr erster Erfolg und Ihre erste Enttäuschung waren, ob Sie vom Schreiben leben können, wer zu Ihren Vorbildern zählt, ob Sie ohne Schreiben leben könnten und wie Sie mit Kritik umgehen.
  • Futter fürs Auge: Suchen Sie auch Bildmaterial zusammen, ein Foto aus Ihrer Kinder- und Schulzeit, aus dem Studium, von Ihrer Oma, die Ihnen das Lesen beibrachte und, und, und … Sie wissen schon: Dinge, die Sie selbst gerne in Interviews sehen würden.
  • Urheberrechte beachten: Vorsicht bei allen Fotos, die nicht von einem Familienmitglied oder Ihnen gemacht wurden, die Sie aber dennoch ihrem Besucher mitgeben wollen. Ob Passfoto, Hochzeitsbilder oder Partyfotos: Sobald ein Berufsfotograf der Urheber des Bildes ist, wird es gefährlich, denn er besitzt (wie jeder, der fotografiert) an seinen Fotos ein lebenslanges Nutzungsrecht (das seine Erben noch 70 Jahre über seinen Tod hinaus wahrnehmen können). Anders als ein Hobbyfotograf muss er aber von seinen Bildern leben und wird daher sehr böse, wenn seine Bilder ohne seine Zustimmung in Medien veröffentlicht werden. Ein seriöser Journalist wird Sie daher gezielt fragen, ob Sie alle Rechte zur Veröffentlichung an dem Bild besitzen. In der Regel besitzen Sie diese nämlich nicht! Sagen Sie daher nicht vorschnell ja! Ohne die schriftliche Einwilligung des Fotografen zur Veröffentlichung in Medien nachweisen zu können, verstoßen Sie sonst gegen das Urheberrecht (und nicht das Medium, das das Interview veröffentlicht). Das ist dann kein Kavaliersdelikt, sondern kann – ruckzuck – einige tausend Euro kosten.

Am Morgen vor dem Termin

  • Schlaf: Je nach Robustheit werden Sie wenig oder gar keinen Schlaf gefunden haben. Keine Angst, Journalisten haben fast immer mit unausgeschlafenen Interviewpartnern zu tun, das ist das wahre Geheimnis erfolgreicher Enthüllungen. Sie sind keine Ausnahme.
  • Wenig Kaffee, kein Alkohol, keine Psychopharmaka: Meiden Sie alles, was Sie nervös machen oder einlullen kann. Ersteres nervt den Interviewer, letzteres empfinden nur Sie als angenehm und lässt Sie Dinge sagen, die Sie bereuen könnten.
  • Einstimmung: Bleiben Sie nicht wie das Kaninchen vom Aufstehen bis zum Termin zu Hause sitzen, um auf die Schlange zu warten. Gehen Sie unter Menschen, reden Sie mit ihnen, egal was. Das macht die Zunge geschmeidig und massiert die Gehirnwindungen.

Böses Überraschung, gute Miene

  • Absage, neuer Termin: Es kann jederzeit – bis zur letzten Minute – zu einer Absage oder Terminverschiebung kommen. Journalistische Arbeit ist im Prinzip unplanbar. Die meisten Redaktionen sind unterbesetzt und – ich sagte es schon einmal in etwas anderer Form – nicht Sie sind wichtig, sondern die Fütterung des Publikums jenes Mediums, das Sie interviewen will. Anders gesagt: Fällt ein Eisklumpen einem Schrebergärtner vom Himmel in den Suppentopf, ist das für ein Lokalblatt wichtiger als das Interview mit Ihnen. Darauf gibt es nur eine richtige Reaktion: Lächeln und fröhlich fragen, wann man das nachholen werde, denn glauben Sie mir: Niemand will Sie ärgern, jeder macht nur seinen Job.

Wenn es zweimal klingelt

Wenn die Presse anrückt, schnellt Ihr Puls unweigerlich nach oben – wetten? Das geht allen so, ist aber dem Verlauf des Gesprächs abträglich. Deshalb nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Andererseits bringt Ihr Gesprächspartner berufsbedingt wenig Zeit mit. Ein kurzer Smalltalk von fünf bis zehn Minuten bringt ihren Puls zum Abklingen. Versuchen Sie, Gemeinsamkeiten zu entdecken. Eine haben Sie mit Sicherheit: Sie sind beides Menschen mit einer Liebe zum Wort.

Nochmals 5 Minuten Vorlauf verschaffen Sie sich, indem Sie jetzt Ihrem Besucher / Ihren Besuchern Wasser, Kaffee oder Tee und etwas magenfreundliches Fingerfood kredenzen. Vielleicht auch ein paar Kekse, aber keinen Kuchen, keine alkoholischen Getränke! Das Interview ist weder ein Kaffeekränzchen noch ein Stammtisch.

Das Interview beginnt

  • Ihre Begleitung: Falls Sie eine Begleitung ausgemacht haben, setzen Sie die Person Ihres Vertrauens etwas abseits aufs Sofa oder auf einen Stuhl. Schaffen Sie damit eine formale Barriere. So vermeiden Sie, dass Ihre Begleitung sich ins Gespräch einmischt. Aber sorgen Sie dafür, dass ihre Begleitung alles Gesprochene gut mithören kann.
  • Mitschnitte: Theoretisch wäre ein Mitschnitt des Gesprächs Ihrerseits die beste Versicherung gegen spätere Streitereien darüber, was gesagt wurde. Aber es ist auch ein extremes Zeichen von Misstrauen. Außerdem zitieren viele Journalisten nicht wörtlich, sondern – durchaus zum Vorteil der Interviewten – sinngemäß. Bestseller-Autoren beziehungsweise ihre Agenten und Pressebeauftragten schneiden Interviews zwar häufig mit, aber Ihre Position ist nicht die eines Bestseller-Autors (oder Sie müssten diesen Artikel nicht lesen). Dass Ihr Interviewpartner als Journalist ein Diktiergerät benutzt, um das Interview seinerseits aufzuzeichnen, ist jedoch normal und in Ihrem Interesse auch wünschenswert, denn es zeigt, dass Ihr Gesprächspartner sorgsam und verantwortungsbewusst arbeitet.
  • Freigaberunde, die Zweite: Klären Sie nochmals, dass eine Freigaberunde stattfindet. Doppelt genäht hält besser.
  • Off records: Mit diesem Begriff schließt man im Journalismus Teile des Gesprächs vom Abdruck aus. In politischen Journalismus sind off records ein Mittel, der Presse Hintergrundinformationen zukommen zu lassen, die aber nicht öffentlich werden sollen. Die Tücke: Niemand muss sich daran halten. Es ist somit eine Frage des journalistischen Ehrenkodex. Im politischen Journalismus wird dieser Kodex beachtet, weil ein Journalist, der dagegen verstößt, sein letztes Interview geführt haben dürfte. Diese Macht besitzen Sie aber nicht, verlassen Sie sich daher nicht darauf! Gehen Sie davon aus, dass alles, was Sie sagen auch gegen Sie verwendet werden kann – um einen Standardsatz eines jeden guten Krimikommisars zu missbrauchen.

Während des Interviews

  • Oberste Priorität: Besser etwas nicht gesagt, als etwas Falsches gesagt! Vor allem, wenn Sie nach Ihrer Meinung zu Politik, Religion, Gesellschaft und ähnlich emotional besetzten Bereichen gefragt werden! Die mediale Öffentlichkeit ist längst ein mittelalterlicher Marktplatz mit hochentzündlichen Scheiterhaufen geworden. (Ups, jetzt ist mir rein versehentlich eine Meinung heraus gerutscht …)
  • Lassen Sie sich nicht drängeln: Zwar ist Zeit für Ihren Gesprächspartner kostbar, aber Sie haben ein Recht darauf, sich Ihre Antworten zu überlegen.
  • Fakten müssen stimmen: Wenn es um Fakten geht, deren Sie sich nicht mehr ganz sicher sind oder an die Sie sich nicht mehr sicher erinnern, weisen Sie Ihren Gesprächspartner darauf hin und bieten Sie ihm an, diese per E-Mail oder telefonisch nachzureichen. Lassen Sie sich nicht zu ungeprüften Aussagen hinreißen.
  • Nicht ablenken lassen! Gerade bei TV-Interviews geht es drunter und drüber. Der Kameramann flucht, der Beleuchter wirft Ihre Vase vom Tisch … lassen Sie sich nicht ablenken! Wenn doch, sagen Sie laut und deutlich: „Das lenkt mich jetzt gerade ziemlich ab! Lassen wir etwas Ruhe einkehren, bevor wie weitermachen …“ Ihr Gesprächspartner wird feixen und seine Begleiter ermahnen, denn er möchte schnell fertig werden.
  • Die Leute ihren Job machen lassen! Umgekehrt wird aber auch ein Schuh daraus. Versuchen Sie den Fotografen, Kameramann und Beleuchter nicht zu belehren. Diese kennen ihren Job besser als Sie. Entweder die Leute beherrschen ihr Handwerk, dann werden sie bei einer Belehrung durch einen Laien nur auf stur schalten – oder sie beherrschen ihren Job nicht, dann werden Sie ihnen das Handwerk nicht beibringen können.

Das Interview ist zu Ende

  • Keine Bestechungsversuche! Egal, wie das Interview gelaufen ist – niemals einen Bestechungsversuch wagen! Wenn es sich um einen seriösen Journalisten handelt, ist das für ihn eine schwere Beleidigung, die alles nur noch schlimmer macht. Ist der Gesprächspartner ein Windei, wird er kassieren und Sie dennoch in die Pfanne hauen.
  • Kontakt halten: Bedanken Sie sich für das Gespräch und bieten Sie an, jede Rückfrage umgehend zu beantworten. Tauschen Sie ihre direkten Telefonnummern und E-Mail-Adressen aus.
  • Freigaberunde, die Dritte: Legen Sie einen spätesten Termin für die Korrekturzusendung fest. Drängeln Sie aber nicht und versichern Sie, dass die Bearbeitung und Rücksendung Ihrerseits höchste Priorität genieße und noch am gleichen Tag erfolgen werde (und halten Sie sich daran!).
  • Freigaberunde, die Vierte: Sobald Sie das Manuskript zur Korrektur erhalten (komplett oder nur Teile), lassen Sie alles stehen und liegen und bearbeiten Sie den Text umgehend, aber ohne kleinlich zu sein. D. h. sachliche Fehler korrigieren, Schreib-, Flüchtigkeits- und grammatische Fehler übersehen Sie bitte! Darum kümmert sich die Redaktion auf die eine oder andere Weise selbst. In vielen Fällen findet erst kurz vor Druck oder Veröffentlichung eine Endkorrektur statt. Und vor allem: Keine Stilkritik! Journalismus folgt anderen sprachlichen Stilregeln als Literatur. Für literarische Texte mögen Sie der Fachmann sein, für journalistische Texte ist das Ihr Gegenüber.
  • Das dauert aber …:Wappnen Sie sich mit Geduld! Solche Interviews sind für viele Redaktionen und Sender Füllmaterial, das nicht anbrennt und dann veröffentlicht wird, wenn dafür Platz ist. Eine Veröffentlichung kann also durchaus erst in drei Monaten oder noch später erfolgen. Gebot Nr.1: Nerven Sie nicht! Oder es war das letzte Interview mit Ihnen.

Nach der Veröffentlichung

  • Kontakt ausbauen: Jetzt ist es Zeit, sich ernsthaft zu bedanken und die Basis für einen dauerhaften Kontakt zu legen. Denn wie zu Beginn geschrieben, gehe ich davon aus, dass Sie ein professioneller Autor sind oder zumindest werden wollen. Damit brauchen Sie dauerhafte Kontakte zu den Medien.
  • Win-win: Partnerschaften, die beiden Partnern etwas bringen (Win-win-Situationen) sind die stabilsten. Bieten Sie Ihrem Interviewpartner an, ihn ohne weitere Verpflichtungen bei Recherchen zu unterstützen, die in Ihr Fachgebiet als Autor passen. In der Praxis kann das eine kurze Anfrage sein, was Sie von diesem oder jenem Konkurrenten halten, bis hin zu echten Fachfragen, wie Sie als Schriftsteller dieses oder jenes sehen, erlebt haben oder einschätzen. Es gibt auch Fälle, wo Kollegen einen Krimiautor befragt haben, was er von einem bestimmten Ermittlungsergebnis halte.
  • Man kennt sich, man braucht sich: Auch Journalisten sind träge und faul. Gerne arbeiten sie daher mit Menschen zusammen, die sie bereits kennen und als kooperativ, eloquent und zuverlässig erlebt haben. Das ist Ihre Chance, in Zukunft gerufen zu werden, wenn ein Autor als Studio- oder Redaktionsgast gebraucht wird.
  • Kontakt halten: Recherchieren Sie immer mal wieder, ob Ihr Interviewer im Netz erwähnt wird. Ein gutes Werkzeug für diesen Zweck ist der Google-Service „Google Alerts“ (kostenlos). Erstens erfahren Sie so sehr schnell, wenn sich seine Zuständigkeit ändert. Entscheiden Sie dann rein sachlich, ob der Kontakt für Sie noch Relevanz hat. Zweitens erfahren Sie so, ob es Anlässe gibt zu gratulieren, denn Gratulationen sind hervorragende Gelegenheiten, sich positiv in Erinnerung zu bringen.

Nun haben Sie alles überstanden und das Beste aus dem Termin gemacht. Ich gratuliere Ihnen nun meinerseits.

Autor: Michael J. M. Lang