Vom Traum im Baum

Baumhaus-Romantik (Entnommen aus der Publikation "Baumhäuser. Neue Architektur in den Bäumen" mit freundlicher Genehmigung des Verlags DOM publishers: www.dom-publishers.com)

Baumhaus-Romantik (Entnommen aus der Publikation „Baumhäuser. Neue Architektur in den Bäumen“ mit freundlicher Genehmigung des Verlags DOM publishers: www.dom-publishers.com)

Von Architekten entworfene moderne Baumhäuser sind Luxuskabinen, Wellnesskuben, Meditationsklausen und manchmal sogar Kunstobjekte. Mit den Bretterverschlägen aus der Kindheit haben diese edlen Schmuckstücke nichts mehr zu tun. Sie sind vielmehr Ausdruck unseres Zeitgeistes, in dem moderne Ästhetik (das Designobjekt Haus) einerseits und rustikale Natur (der Organismus Baum) andererseits zusammenfinden. Neu ist eine solche Symbiose übrigens nicht. Sie verleiht auch japanischen Gärten ihren ganz besonderen Reiz.

Über diese ästhetische Dimension – die auch für eine beliebige Skulptur gelten könnte – hinaus, bieten Baumhäuser für ihre Bewohner einen ganz besonderen Erlebniswert. Ist es der Nervenkitzel der Höhe? Die Erinnerung an Versteckspiele früher Kindheitstage? Die dem Erdboden entrückte Isolation? Oder einfach die Exklusivität eines extravaganten Besitzes? Vielleicht ist es dieser Mix, der das Abenteuer Baumhaus prägt.

Baumhaus auf Probe: Urlaub in den Ästen

Eine Dokumentation des Fernsehsenders Arte von 2016 zeigte Beispiele für aktuelle Baumhäuser aus Frankreich, Deutschland und Schweden, die vor allem für Touristen eine echte Empfehlung sind. In solchen touristischen Baumhäusern und Baumhotels kann man nämlich ganz unverbindlich seine Affinität zum Leben im Blätterdach erproben, bevor man das Abenteuer eines eigenen Baumhauses eingeht.

Eines der gezeigten Beispiele ist ein ganzes Baumhaus-Dorf in der Auvergne im Wald von La Stèle, Les cabanes des volcans. Die bis in eine Höhe von 13 Metern erbauten Baumhäuser wurden von ihren beiden Erbauern so angelegt, dass zwischen ihnen keine Sichtverbindung herrscht und die Bewohner sich ganz allein im Wald fühlen können.

In der Drôme Provençale fanden die Macher der Doku, Denis Dommel und Laurent Martein, ein Ensemble aus Jurten, Tipis, Wohnwagen und einem Baumhaus. Im Norden der Dordogne stehen thematisch gestaltete Baumhäuser, die sich in Form, Mobiliar und Farben an Ländertraditionen orientieren, darunter Indien und Japan. Ihr Erbauer ist gleichzeitig der Erfinder kugelförmiger Hütten – sogenannte Lov’Nids –, die wie übergroße Hornissennester zwischen den Bäumen hängen und deren Bewohner durch darunter angebrachte Netze vor Schäden durch Abstürze bewahrt werden. Bereits ca. 350 Stück der Lov’Nids fanden ihre Käufer in ganz Europa.

In Schwedisch-Lappland stießen die Arte-Dokumentaristen auf das originelle Familienhotel Treehotel aus sechs UFO-artigen Baumobjekten. Aber auch auf deutschem Boden existiert ein ähnliches Projekt: Urban Treehouse besteht aus zwei Häusern und wartet in Berlin-Zehlendorf,nahe des Badesees Krumme Lanke und des Schlachtensees auf Besucher.

Geradezu ins Schwärmen gerieten die Dokumentaristen beim Anblick von fünf Baumhäusern in der Normandie, nahe des Dorfs Mézidon-Canon. Eines dieser Baumhäuser ist das höchste Frankreichs und bietet den Bewohnern eine „atemberaubende Sicht auf das Blätterdach der Bäume und die Landschaft ringsum“.

Bereits 2012 widmete die Deutsche Welle sich in der TV-Serie Euromaxx unter dem Titel Das Baumhaus-Hotel: Alles außer gewöhnlich dem Thema Baumhaus. Die Macher besuchten dazu in Görlitz, nahe der deutsch-polnischen Grenze, Deutschlands erstes Baumhaus-Hotel. Dort stehen den zahlenden Gästen acht verschiedene Baumhäuser zur Auswahl. Jedes von ihnen ist einem Thema und einem Fabelwesen gewidmet.

Wer macht’s?

Bad Rothenfelde: Östlich von Osnabrück steht dieses kleine Juwel aus dem Jahr 2006. Wenning legte bei diesem Objekt vor allem auf ein helles, lichtdurchflutetes Ambiente Wert. Im Zentrum steht eine Eiche, an der das Baumhaus mit Edelstahlseilen und Gurten befestigt ist. Der größte Teil des Gewichts wird allerdings durch drei Schrägstützen abgefangen. Die umbaute Innenfläche beträgt 9,6 m². Eine untere Terrasse lädt auf 4 m Höhe zum Zwischenstopp ein, das Haus liegt auf 5 m Höhe. (Entnommen aus „Baumhäuser:Neue Architektur in den Bäumen“, DOM publishers)

Bad Rothenfelde: Östlich von Osnabrück steht dieses kleine Juwel aus dem Jahr 2006. Wenning legte bei diesem Objekt vor allem auf ein helles, lichtdurchflutetes Ambiente Wert. Im Zentrum steht eine Eiche, an der das Baumhaus mit Edelstahlseilen und Gurten befestigt ist. Der größte Teil des Gewichts wird allerdings durch drei Schrägstützen abgefangen. Die umbaute Innenfläche beträgt 9,6 m². Eine untere Terrasse lädt auf 4 m Höhe zum Zwischenstopp ein, das Haus liegt auf 5 m Höhe. (Entnommen aus „Baumhäuser:Neue Architektur in den Bäumen“, DOM publishers)

Bis in die ersten Jahre des letzten Jahrhunderts hinein dienten Baumhäuser in Europa fernab jeder Romantik und Exklusivität als kärgliche Unterkünfte für arme Schichten und Randgruppen. In der Dritten Welt leben heute noch zahlreiche indigene Völker in Baumhäusern. In Europa fand in den achtziger Jahren eine Renaissance der besonderen Art statt, als Umweltschützer der ersten Stunde für ihre Baumwachen Schutzverschläge in die Äste zimmerten.

Dass selbst Architekten Baumhäuser öfter mit Kinderrefugien und Bastelobjekten assoziieren als mit ernsthafter Architektur, schildert der Bremer Baugeschichtler und Architekturtheoretiker Prof. Dr. Eberhard Syring in seinem Vorwort zu einem der interessantesten deutschsprachigen Architekturbücher über Baumhäuser, dem Band Baumhäuser: Neue Architektur in den Bäumen von Andreas Wenning. Als er für eine Architekturbesprechung der taz seinen Architekturkollegen Wenning besuchte und dessen Baumhaus besichtigte, habe er sich gefragt – so Syring –, ob Baumhäuser für Architekten jemals mehr als „eine Nische in dem engen Markt planerischer Dienstleistungen“ sein könnten.

Ein Fall für Spezialisten

Auch wenn Wennings Entwurfsbüro baumraum inzwischen auf internationaler Ebene aktiv ist – Syrings Skepsis war und ist durchaus berechtigt. Wenning selbst schreibt in seinem Buch, die Entwürfe würden nur selten realisiert. Das liege wohl an der geringen Größe solcher Objekte und damit an den geringen Honoraraussichten. Hinzu komme der besondere konstruktive Anspruch durch das „lebende“ Fundament. Daran mag es auch liegen, dass weltweit nicht mehr als zwei Dutzend Architekturbüros auf Baumhäuser spezialisiert sind.

Baumhaus am Äckerle: Dieses rustikale Baumhaus liegt am Stadtrand von Heilbronn und wurde 2005 von Andreas Wenning entworfen. Im Zentrum steht ein alter Obstbaum. Treppe, Terrasse und vorderer Teil des Hauses sind über flexible Aufhängungen am Baum befestigt. Der hintere Teil des Hauses wird durch zwei Pendelstützen gesichert. Der Innenraum misst 8,6 m², die Terrasse 14,4 m². (Entnommen aus „Baumhäuser:Neue Architektur in den Bäumen“, DOM publishers)

Baumhaus am Äckerle: Dieses rustikale Baumhaus liegt am Stadtrand von Heilbronn und wurde 2005 von Andreas Wenning entworfen. Im Zentrum steht ein alter Obstbaum. Treppe, Terrasse und vorderer Teil des Hauses sind über flexible Aufhängungen am Baum befestigt. Der hintere Teil des Hauses wird durch zwei Pendelstützen gesichert. Der Innenraum misst 8,6 m², die Terrasse 14,4 m². (Entnommen aus „Baumhäuser:Neue Architektur in den Bäumen“, DOM publishers)

Aber wann ist ein Haus überhaupt ein Baumhaus? Puristen sprechen nur dann von einem Baumhaus, wenn das Objekt vollständig im Baum verankert und nicht durch Stützen mit dem Erdboden verbunden ist. Wenning und andere jüngere Architekten sehen die Sache etwas lockerer und sprechen auch dann von einem Baumhaus, wenn dieses auf Stelzen neben oder unter Bäumen steht. Wenning: „Nach meiner Auffassung sind Baumhäuser Gebäude oder Konstruktionen, die räumlich oder gestalterisch in einem engen Dialog mit Bäumen stehen.“

Allein schon daraus folgt eine zwangsweise Exklusivität: Wer sich ein Baumhaus zulegen will, braucht ausreichend Grund und Boden sowie mindestens einen geeigneten Baum. Kleine Reihenhausgärten reichen dazu nicht aus. Am besten geeignet sind größere Grundstücke, möglichst mit einer unverbauten Aussicht und mehreren Bäumen.

An den Baum, der das Fundament des Baumhauses werden soll, bestehen ebenfalls gehobene Ansprüche: Er sollte ausreichend ausladend, gesund und kräftig sein. Der ideale Durchmesser des Stammes liegt bei 1,5 m. Sein Wurzelwerk muss dem zusätzlichen Gewicht und Seitendruck (bei Wind und Unwetter) standhalten können. Steht ein solcher Baum nicht zur Verfügung, muss auf eine Stelzenkonstruktion ausgewichen werden. Besonders gut eignen sich Buchen, Eichen, Eschen, Kastanien, Kiefern, Linden, Tannen und Zedern sowie ausgewachsene Obstbäume. Ungeeignet sind Pappeln und Birken mit ihren nur flachen Wurzeln.

Meditation oder Abenteuer?

Der Bauherr muss außerdem im Vorfeld entscheiden, ob er sich in erster Linie einen meditativen Rückzugsort oder einen eher abenteuerlichen Erlebnisort wünscht. Syring spricht in diesem Zusammenhang von den beiden Konzeptlinien „Kapsel“ und „Hütte“. Soll ein Erlebnisort geschaffen werden und steht ein ausreichend dichter und großer Baumbestand zur Verfügung, dann wäre auch ein Baumhabitat überlegenswert. Ein solches Habitat besteht aus mindestens einem Baumhaus und Verbindungsstegen zwischen mehreren Bäumen, bis hin zu einem Ensemble aus mehreren miteinander auf Gipfelhöhe verbundenen Baumhäusern.

Mitwachsende Fundamente

Gesunde Bäume tragen übrigens das Baumhaus nicht nur, sie passen sich dessen Gewicht auch aktiv an, indem sie zusätzliche Holzmasse ausbilden. Deshalb steigt die Stabilität eines Baumhauses in einem gesunden Baum im Laufe der Jahre.

Aber nicht nur der Baum muss bestimmten Kriterien genügen. Auch die Bewohner sollten bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Sie dürfen keine Höhenangst haben und sollten noch sicher eine Leiter oder Treppe steigen können. Ältere und kranke Menschen sollten Baumhäuser meiden. Kinder können zwar prima klettern und Leiter steigen, sind aber für Baumhäuser zu wagemutig. Zwar könnte man mit geeigneten Schutzmaßnahmen ein Baumhaus kindgerecht „entschärfen“; solche Schutzeinrichtungen nehmen aber gerade Baumhäusern einen wesentlichen Teil ihres Reizes.

Eine weitere Grenze ziehen für viele Interessenten die Kosten. Mögen sie im Vergleich zu festen Wohngebäuden auch relativ gering sein (rund 10.000 Euro für fünf bis 10 m² Wohnraum), so handelt es sich doch um Luxuskosten, denn ein Baumhaus ist in unseren Breiten auch bei sehr guter Ausstattung kein Ersatz für ein ganzjährig bewohnbares Gebäude.

In der Regel sind für Baumhäuser in Deutschland keine Baugenehmigungen erforderlich, da diese erst ab 30 m³ umbautem Raum – das entspricht rund 12 m² Wohnfläche – vorgeschrieben sind. Allerdings: „Für Beamte sind Baumhäuser ohnehin eine Grauzone“, warnt Andreas Wenning. Außerdem behalten sich manche Gemeinden sogar die Genehmigung kleiner Garten- und Müllhäuschen vor. Deshalb ist die Rechtslage je nach Bundesland und Gemeinde nicht immer eindeutig.

Fazit: Zeit für das Besondere

  • Für Planung und Materialbeschaffung muss man mit zwei bis drei Monaten rechnen. Die Fertigstellung dauert inklusive Montage etwa weitere sechs Wochen, so Wenning. Handwerklich und vom Umfang der Arbeiten her gesehen, ist der Bau eines Baumhauses übrigens noch am ehesten mit dem Bau eines Holzbootes vergleichbar.
  • Alles in allem bedarf also auch ein Baumhaus einer beachtlichen Vorbereitung und Anstrengung. Wer diese auf sich nimmt, wird es aber kaum bereuen, denn ein Baumhaus ist nun mal ein ganz und gar besonderer Ort.

Autor: Michael J. M. Lang

(Hinweis: Der Beitrag ist erstmals im Juni 2011 im MittelstandWiki.de erschienen und wurde für diesen Blog-Beitrag aktualisiert.)

Weiterführende Literatur und andere Quellen

Links

Literatur zum Thema