Freier Eintritt im größten Onlinearchiv für Avantgardekunst

Szenefoto aus Tanzstück A+B=X von Gilles Jobin

Szenefoto aus dem Tanzstück A+B=X von Gilles Jobin aus den Jahr 1997

Avantgarde ist nicht jedermanns Sache, aber wer mitreden will, muss diese Stilrichtung zumindest kennen – und wer weiß, vielleicht entdeckt der eine oder andere doch noch seine Liebe zu dieser Kunstform. Besonders einfach ist eine Begegnung mit der avantgardistischen Muse im Ubuweb, dem weltweit größten Onlinearchiv avantgardistischer Kunst.

1996 gegründet und seitdem ständig erweitert wurde das Ubuweb vom New Yorker Schriftsteller Kenneth Goldsmith. Der Name Ubuweb leitet sich von Alfred Jarrys proto-surrealistischem Stück Ubu Roi ab (das Theaterstück gibt es als freies E-Book beim Projekt Gutenberg).

Kenneth Goldsmith, 2011 bei einer Rezitation im Weißen Haus (© CC A-3.0)

Kenneth Goldsmith, 2011 bei einer Rezitation im Weißen Haus (© CC A-3.0)

Goldsmith ist nicht nur Avantgard-Autor, Dichter und Kunstsammler, sondern auch erster Preisträger unter den Dichtern des New Yorker Museum of Modern Art und Professor für Poesie an der Universität Pennsylvania sowie Inhaber der Anschutz Distinguished Fellow Professorship in American Studies in Princeton in den Jahren 2009 und 2010. Seinen Ruf in der Kunstszene darf man mittlerweile ruhigen Gewissens legendär nennen.

Die Sammlung Ubuweb ist in den vergangenen knapp 20 Jahren ihres Bestehens immens gewachsen. Neben Soundkunst finden sich in der Sammlung u. a. noch, Videos, Filmausschnitte, Gedichte, Tanzdarbietungen, Konzeptliteratur, visuelle Dichtung und ein gestreamtes Ubuweb Radio. Fast in jeder Kategorie stehen mehr als ein Dutzend Kunstwerke zur Auswahl, in einigen sogar über hundert. Alle Archivstücke kennenzulernen, dürfte mehr als einen Tag in Anspruch nehmen.

Dass die Sammlung in diesem Umfang überhaupt aufgebaut werden konnte, ist der Risikobereitschaft bzw. Unbekümmertheit des Sammlers zu verdanken. Er veleibte die Werke seiner Sammlung nämlich ohne Rücksicht auf irgendwelche Urheberrechte ein. Kurioserweise hat sich bis heute angeblich so gut wie kein Künstler bei Goldsmith beschwert. Lediglich einige wenige ließen ihr Werk wieder löschen – allerdings ohne Einschaltung von Gerichten.

Nicht jedes Kunstwerk wird bei dem Besucher der Sammlung Gefallen finden; Avantgarde ist gewöhnungsbedürftig. Aber einen Besuch ist die Sammlung allemal wert, zumal der Eintritt kein Geld kostet. Als Einstieg in den avantgardistischen Tanz empfehle ich das Tanzstück A+B=X von Gilles Jobin. Zur gesamten Sammlung geht es hier.

Michael J. M. Lang