Und tschüs: Ein Focus-Leser schmeißt hin

Stein meines Anstoßes: Ausgabe Focus 2014/03.  (© Focus/Burda)

Stein meines Anstoßes: Ausgabe Focus 2014/03.
(© Focus/Burda)

Die einst als liberalkonservativer Gegenspieler zum Spiegel ambitioniert angetretene Zeitschrift Focus aus dem Hause Burda hat mit der Ausgabe (2014/03) das Niveau eines mäßigen Boulevardblattes erreicht. Das macht mich wütend, denn ich gehöre zu den Lesern der ersten Stunde. Aber mir reicht es, ich schmeiße hin.

Ich glaubte damals dem Versprechen des Erfinders und langjährigen Chefredakteurs Helmut Markwort, man wolle ein politisches Gegengewicht zum linkslastigen Spiegel, dem bundesdeutschen Monopolisten für gehobene politische Meinungsmache werden. Das kam mir sehr gelegen, denn ich liebe es, Dinge von mehreren Seiten aus zu betrachten. Zielgruppe sollte die geistige Elite sein.

Kritiker warfen dem Blatt damals schon zu wenig Tiefe vor. Markwort rechtfertigte die kürzeren Beiträge und den höheren Anteil bunter Bilder am Heft damit, dass dieses Konzept der Rezeption jüngerer Menschen besser Rechnung trage, als die bleilastigen Seiten des Spiegels. Mir leuchtete das ein – und wohl auch dem einen oder anderen Spiegel-Entscheider, denn im Gefolge des Focus wurde der Spiegel ebenfalls bunter und im Text knackiger.

 

So war man einst angetreten.  (© Focus/Burda)

So war man einst angetreten.
(© Focus/Burda)

Dann – vor gefühlten vier oder fünf Jahren – versäumte ich immer öfter eine Ausgabe und hatte zu meinem Erschrecken dennoch nicht das Gefühl, schlechter informiert zu sein. Zugegeben, viele der damals immer mehr in den Vordergrund tretenden Nutzthemen gingen mir am Allerwertesten vorbei. Aber diese Themen waren journalistisch aufwendig und seriös aufbereitet. Außerdem verstand es die Redaktion solche Themen auszuwählen, die für breite Bevölkerungsteile von Interesse waren, wie z. B. die legendären Ärzterankings des Focus. Wer es also brauchte …

Dass das auf Dauer dennoch nicht gutgehen konnte, befürchtete ich damals schon,, denn ich hatte mit Nutzthemen in meinen eigenen Heften schon viele Jahre zuvor böse Erfahrungen gemacht: Der Vorteil von Nutzthemen ist zwar, dass sie auch dann noch ihre Leser finden, wenn sie weder aktuell noch besonders sexy sind – Hauptsache, sie helfen. Aber der weitaus schwerwiegendere Nachteil von Nutzthemen besteht darin, dass sie die Leser nicht dauerhaft binden, sondern die Leserschaft fragmentieren. Nutzhefte werden nämlich immer nur dann gekauft, wenn man den Bedarf an genau diesem einen Thema im Heft hat. Selbst wenn die Themen noch so gut aufbereitet werden, wird schon rein statistisch immer ein Teil der Leser am jeweils aktuellen Thema kein Interesse haben und das Heft liegenlassen. Im Kampf um die schwindende Leserschaft des Focus wurde daher diese Ausrichtung wohl mehrfach intern infrage gestellt. Zumindest gewann ich als Leser von außen diesen Eindruck.

Die letzten zwei Jahre hielt mich eigentlich nur noch eine gewisse Loyalität als Leser bei der Stange. Damit ist jetzt Schluss. Die Ausgabe 2014/03 gab mir den Rest.

  1. Als plumper Eyecatcher muss ein tausendfach abgenudeltes Sexthema („Was Frauen von Männern wirklich wollen“) herhalten. Unter uns: Dafür gibt es kompetentere Hefte und ich frage mich zudem, wo da der Nutzen liegt, denn eine Beratung wird nicht geleistet. Stattdessen werden fragwürdige Thesen kolportiert.
  2. Das Coverfoto könnte auch von einem Bilddiscounter für ein paar Euro erstanden worden sein. Nichts gegen das durchaus nett anzuschauende Model, aber „nett“ ist für ein Cover zu wenig. Das Foto hat weder fotografischen Pfiff noch Eleganz (von wegen gehobener Zielgruppe des Blattes) noch macht es neugierig.
  3. Die Headline „Die neue Lust“ ist inhaltlich falsch, denn im Heft wird ausführlich zu beweisen versucht, dass die angeblich promiske Lust der Frauen seit jeher in deren Erbgut verankert, aber bisher im Westen kulturell unterdrückt worden sei. Also nichts „Neues“ im Westen, im Gegenteil.
  4. Das Thema besteht im Heft dann aus einem 11-seitigen Riemen, bei dem es hauptsächlich um mehr oder weniger unbewiesene Thesen des selbst ernannten Experten und Sachbuchautors Daniel Bergner geht. Beim Durchquälen kann man sich indes des Eindrucks nur schwer erwehren, hier werde lediglich Werbung für das Buch des Herrn Bergner gemacht. Dafür sprechen drei Indizien:
    • Kasteninfo zum Buch im Kopfartikel,
    • darauf folgend ein Dreiseiter in Interviewform mit dem Autor und c) auf dem Heftcover ein sogenannter Störer in Form eines Qualitätssiegels mit dem Hinweis, das Buch sei ein New York Times-Bestseller. (Wer diese Bestsellerreihe kennt, weiß, dass es sich bei den Titeln keineswegs um Qualitätsbücher sondern vornehmlich um schwülstige Romane mit Titeln wie „Scandalous Brides“, „First Love“ usw. handelt. )
    • Mehr noch: Gegen eine seriöse Themenbehandlung spricht das Fehlen einer ernsthaften Relativierung bzw. kritischen Gegenstimme zu den Thesen des Buchautors.
  5. Was meinem Ärger aber die Krone aufsetzt: Auf dem ganzen Cover fand nur ein einziges Politthema Platz! Und auch das nur verschämt ganz oben in die Zeile über den Rahmen gequetscht: „AfD-Chef Lucke: Über den Euro und Hartz IV für Ausländer“. Im Heft: dann zwei knappe Seiten zu diesem Thema.

Noch einmal langsam zum Mitschreiben: Ein politisches Magazin für die geistige Elite Deutschlands wirbt auf dem Titel a) mit einem einzigen verschämt am Rand platzierten Einzeiler b) für einen zweiseitigen Beitrag über c) eine Partei, die bei der letzten Wahl die Fünf-Prozent-Hürde nicht geschafft hat. Hallo, geht’s noch, liebe Focus-Redaktion?? Nichts gegen das Thema AfD – aber es ist ganz sicher derzeit nicht das Politthema Nr. 1.

Brauche ich so ein Magazin noch? Nein, denn alles das, was der Focus derzeit bietet, fände ich besser und kompetenter aufbereitet in Blättern, wie dem Stern oder der Bunten – wenn mich solche Themen interessieren würden.
(Michael J.M. Lang)