Journalistische Praxis: Das Interview

© v_falkenberg - fotolia.com

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Als ich zum ersten Mal in meinem nicht gerade kurzen journalistischen Leben per Mikrofon interviewt wurde, sagte mein Interviewer, ein erfahrener Kollege, er wolle das Interview möglichst wörtlich bringen, denn das klinge authentischer. Nach dem Interview wieder im Büro angekommen, begann ich über diese Aussage nachzudenken, denn meine eigene Praxis ist eine ganz andere. Ich zeichne die Antworten meiner Interviewpartner zwar auch auf, verwende dieses Material aber anschließend lediglich als roten Faden für einen von mir nachformulierten Text. Aus dem Originalton entnehme ich lediglich einige markante Sätze, die wie Eckpfosten die Atmosphäre des Gesprächs und Kernthesen des Interviewten repräsentieren sollen. Nachdem ich nun – ein paar Tage nach dem Gespräch – mein eigenes Interview in der Rohfassung kenne, bin ich überzeugt davon, dass meine Methode (aus meiner Sicht) zu besseren und letztlich auch authentischeren Ergebnissen führt. Basierte diese Methode bisher lediglich auf meinem Bauchgefühl, so kann ich jetzt mein Vorgehen auch begründen, denn ich kann mich nun aus eigener Erfahrung in die Rolle eines live Interviewten einfühlen. Mehr noch: Bisher hatte ich immer Gewissensbisse, weil ich mir nicht sicher war, ob die nachformulierten Interviews den Interviewten auch wirklich gerecht wurden. Jetzt aber bin ich mir sicher: Ja, sie wurden – und zwar weitaus besser, als vom Rekorder abgetippte Interviews. Dafür gibt es gleich mehrere gute Gründe.

Die Sprachebene

Viele glauben, die geschriebene und die gesprochene Sprache eines Menschen würden sich in erster Linie durch die Wortwahl unterscheiden. Das ist zwar insoweit richtig, als die meisten Menschen im Schrifttext tatsächlich Wörter einer gehobeneren Sprachebene verwenden. Aber das ist bei weitem nicht der wichtigste Unterschied! Das geschriebene und das gesprochene Wort unterscheiden sich in erster Linie durch den Umfang und das physikalische Format der übermittelten Informationen. Klingt sehr abstrakt, ist aber leicht zu verstehen:

  • Im geschriebenen Text stehen zur Übermittlung des Inhalts nur Wörter und Satzzeichen zur Verfügung. Feinheiten und indirekte Botschaften müssen durch Wortwahl, Anordnung der Wörter (Satzbau), Satzlänge und Anordnung der Sätze ausgedrückt werden.
  • Für den gesprochenen Text, also die Rede, stehen zwar im Prinzip die gleichen Mittel zur Verfügung, darüber hinaus aber auch zahlreiche akustische Gestaltungsformen: Sprechgeschwindigkeit und Taktung (z.B. zögerlich, langsam, gedehnt, hastig, abgehackt) sowie Tonhöhe, Modulation und Lautstärke. Sogar nonverbale Elemente, wie z.B. Räuspern Stottern, Gestik, Mimik, Atmung, Körperhaltung usw. können Teil der Botschaft sein.

Will ich nun einen gesprochenen Text detailgetreu und im vollen Umfang wiedergeben, werde ich daher schnell an Grenzen stoßen, da der wortgetreue Text eine Wiedergabe der nonverbalen Elemente nicht erlaubt. Einge von diesen zusätzlichen Merkmalen könnte man zwar im wörtlichen Interview durch eingeschobene Anmerkungen wiedergeben, wie dies in Gerichtsprotokollen üblich ist. Aber diese Methode ist sprachlich hölzern und für das Nachempfinden der Gesprächsatmosphäre durch den Leser eher tödlich als anregend. Dass solche nonverbalen Elemente dennoch durch eine vom nackten gesprochenen Wort abweichende, weitgehend freie Wort- und Stilwahl überaus elegant wiedergegeben werden können, zeigen uns zahlreiche Beispiele der Literatur. Das Handwerkszeug dazu findet sich in jedem besseren Leitfaden für Schriftsteller. So lässt sich eine aufgeregte und abgehackte Sprechweise problemlos durch kurze Sätze andeuten, die im gesprochenen Text selbst bei größter Hektik so gut wie nie vorkommen. Laute Passagen können durch Wiederholungen und verstärkende Phrasen ersetzt werden, zögerliche Antworten durch retardierende Füllphrasen, wie z.B. „hmm“, „na ja“. Hier muss jeder Journalist im Laufe der Zeit seine eigene „Bibliothek“geeigneter Umschreibungen aufbauen.

Die Persönlichkeitsebene: Selbstbild kontra Fremdbild

Hat der Interviewte aber nicht das Recht, genau so wiedergegeben zu werden, wie er sich äußert? Natürlich. Aber wie äußert er sich denn? So, wie der Rekorder es aufzeichnet, oder wie er sich selbst hören will und subjektiv auch hört? Wie oben schon erwähnt, steckt im gesprochenen Wort viel mehr an Informationen, als sich durch die wörtliche Wiedergabe transportieren lässt. Allein das macht das Wortprotokoll als adäquates Interview suspekt. Hinzu kommt, dass die Eigenwahrnehmung eine subjektive und in aller Regel überhöhte ist. Ganze TV-Formate leben von dieser Diskrepanz. Wie anders wäre es zu erklären, dass abgrundtief linkische und lächerliche Möchtegernstars freiwillig Legionen von Casting-Shows bevölkern? Diese Fehleinschätzung der eigenen Außenwirkung ist übrigens keineswegs ein Unterschichtenmerkmal. So gab und gibt es immer wieder höchst erfolgreiche Firmenchefs, die sich in Werbespots ihrer eigenen Firma zum Gespött machen. Diese Abweichung von Innen- und Außenbild (Selbstbild und Fremdbild) bei Menschen ist von der Neurologie und Psychologie mittlerweile umfangreich untersucht und beschrieben worden. Wer sich dafür interessiert, findet jede Menge Fachliteratur dazu. Für die Wahl der Interviewmethode bedeutet das, dass sich der Interviewte dann richtig wiedergegeben fühlt, wenn das Interview seinem subjektiven Eigenbild entspricht, und nicht, wenn der gesprochene Text wortgetreu abgetippt wurde.

Wie aber weicht das Eigenbild der interviewten Personen in der Regel vom tatsächlich gesprochenen Text ab? Die meisten Menschen nehmen in der eigenen Rede Logikbrüche, schlampige Wortwahl, grammatikalisch falsche Formulierungen und Zeiten nicht als solche wahr. Im Sprechprozess stehen für das Gehirn inhaltliche Erwägungen und die motorische, nonverbale Kommunikation im Vordergrund. Nur sehr geübte und begabte Redner sind in der Lage, sich inhaltlich korrekt zu äußern und gleichzeitig auch noch druckreife Sätze zu formulieren. Was der Interviewte aber nicht wahrnimmt, findet auch keinen Eingang in sein Selbstbild. Deshalb wird sich nie und nimmer ein Interviewter darüber beschweren, dass der Interviewer grammatikalische Fehler stillschweigend ausbügelt. Im Gegenteil: Der zwar wörtliche, aber schlicht schlechte und fehlerhafte wörtliche Text wird den Interviewten im Nachhinein weitaus eher verärgern – spätestens dann, wenn ihn seine Bekannten auf das „schauderhafte“ Interview ansprechen.

Meine langjährige Praxis, Interviews nachzuformulieren, zu glätten und zu straffen, führte in keinem einzigen Fall zu einer Klage. Vielmehr urteilten die von mir Interviewten im Nachhinein häufig, dass das gedruckte Interview ihre Anliegen und Meinungen besonders gut auf den Punkt gebracht habe. Allerdings setzt eine gute und faire Nachformulierung Folgendes voraus::

  • Unabhängig vom Standpunkt des Interviewers muss der nachfomulierte Text den Standpunkt des Interviewten – und nur diesen! – wiedergeben.
  • Für die atmosphärische Umsetzung der nonverbalen Elemente des gesprochenen Textes in den geschriebenen Text benötigt der Interviewer ein erhöhtes Maß an Sprachbegabung.
  • Auch der nachformulierte Text ist vom Interviewten gegenzulesen und zu autorisieren. In diesem Zusammenhang sollte der Interviewte nachdrücklich gebeten werden, zu prüfen, ob er sich in dem Text sprachlich wiedererkennt. (Diese Frage wurde mir gegenüber bisher in keinem einzigen Fall verneint!).

Noch ein handwerklicher Tipp: In den nachformulierten Text sollten unbedingt zentrale, typische und/oder kritische Sätze aus dem gesprochenen Text eingebaut werden. Das fördert die Authentizität und die Prägnanz des Interviews.

Die mediale Ebene: Enthüllung kontra Unterhaltung

Noch auf einer weiteren Ebene entscheidet sich, welche Interviewform ich als Journalist wählen darf bzw. muss. Die Kernfrage dazu lautet: Wozu soll das Interview dienen?

Die Enthüllung

Wenn ich einen Skandal aufdecken will, muss ich zuallererst als wasserdicht dokumentierender Chronist arbeiten. Hierbei gebietet sowohl das geltende Recht als auch die Neutralität, dass in diesem Zusammenhang geführte Interviews ausschließlich wörtlich wiedergegeben werden dürfen. Schon Kürzungen und grammatikalische Berichtigungen sind äußerst heikel. Leider ist es vor allem im Boulevardjournalismus Usus geworden, auch in Enthüllungsfällen nur noch solche Interviewpassagen wiederzugeben, die der Skandalisierung und/oder der Bestätigung des Standpunkts des Interviewers dienen. Diese Form der manipulativen Auswahl halte ich meinerseits für den größeren Skandal. Auf diese Art Interview soll hier aber nicht weiter eingegangen werden, da Enthüllungsinterviews eine juristisch besonders heikle Form des Journalismus darstellen. Um diese sinnvoll zu beschreiben, wäre ein eigener, umfangreicher Beitrag nötig.

Die Unterhaltung

Weitaus häufiger als zur Enthüllung dienen Interviews jedoch der Unterhaltung im weitesten Sinne:

  • Fach- und Sachartikel werden durch Interviews anschaulicher.
  • Probleme werden durch Interviews mit Betroffenen nachvollziehbarer.
  • Interviews verleihen abstrakten Themen ein menschliches Gesicht.

In allen diesen Fällen hängt die beabsichtigte Wirkung nicht von der wörtlichen Wiedergabe des Interviews ab, sondern davon, wie treffend und intensiv die Erfahrungen, Empfindungen, Meinungen und Standpunkte der interviewten Menschen dem Leser vermittelt werden können. Das aber funktioniert umso besser,

  • je leichter dem Leser die Aufnahme des Textes fällt,
  • je weniger Zeit er für das Lesen benötigt,
  • je verständlicher der Text und die in ihm verwendeten Wörter für den Leser sind,
  • je prägnanter die Aussagen formuliert sind und
  • je plastischer die Person des Interviewten sprachlich herausgearbeitet wird.

Handwerklich ist deshalb ein derartiges Interview möglichst dicht, verständlich und charakteristisch nachzuformulieren. Es muss sich flüssig und lustvoll lesen. Eine Nähe zur literarischen Prosa ist durchaus sinnvoll, solange die Aussage als solche nicht verändert wird und die Persönlichkeit des Interviewten in der Widerspiegelung beim Leser nicht verfälscht, sondern bestenfalls sogar verstärkt wird. Wem diese Forderungen für gute Nicht-Enthüllungs-Interviews suspekt sind, der sollte sich die Frage stellen, was er als Leser lieber liest: ein knackiges und flüssiges Interview oder ein trockenes, holperiges Gerichtsprotokoll?

(Michael J. M. Lang)